(Toxische) Scham als gesellschaftliches Tabu

In unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft ist beinahe alles tabuisiert, das mit vermeintlicher Schwäche und Verletzlichkeit verbunden ist. Dazu gehören unter anderem Sterben & Tod, schwere Erkrankungen - vor allem psychische -, Armut und Gefühle/Zustände wie Trauer, Schuld und Scham. In einer gesunden alltäglichen Form hat Scham eine wichtige Funktion: sie zeigt uns, wenn wir moralische oder gesellschaftlich festgelegte Grenzen überschritten haben oder wenn unsere eigenen Grenzen überschritten wurden. Beispiele sind

- wir werden vor Kollegen für einen berufliche Misserfolg vom Chef "runtergeputzt"

- jemand macht eine anzügliche Bemerkung oder fasst uns an Stellen an, an denen wir nicht angefasst werden möchten

- wir haben den Geburtstag einer guten Freundin vergessen

- wir haben die Eltern belogen, weil wir keine Lust auf einen Besuch hatten

In uns wächst dann das Gefühl, das klären/wieder gut machen oder eben die Situation verlassen zu wollen (je nach Anlass). Ist die Situation vorüber, verschwindet idR auch das Schamgefühl. Anders bei toxischer Scham. Gerade Menschen mit Traumafolgen leiden oft unter toxischer Scham. Sie entsteht durch lang anhaltende Abwertung, Beschämung und Demütigung und führt zu dem Gefühl, nicht passend, ja 'falsch' zu sein. Wenn Kinder z.B. für das Zeigen von Gefühlen belächelt oder für schlechte Schulleistungen bestraft und abgewertet werden, erzeugt das ein Gefühl tiefer Demütigung und Beschämung. Dazu kommt das Gefühl, 'selbst schuld' zu sein, was zu einer Vermeidungshaltung und zum "Unsichtbarwerden" in der Welt führt. Um nicht beschämt zu werden, wird die eigene Verletzlichkeit verborgen. Das führt zu unauthentischem Verhalten, das wiederum zu Ablehnung und "Nicht-dazu-gehören" und damit zu Enttäuschung und Verletzung führt. Nähe und Verbundenheit, auch in Beziehungen, ist so nur schwer möglich.