NPS - narzisstische Persönlichkeitsstörung

 

 

Im Gegensatz zum Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal, das bei einzelnen Menschen mehr oder weniger ausgeprägt ist, gehört die NPS zu den Persönlichkeitsstörungen und wird auch pathologischer (krankhafter) Narzissmus genannt. Bis Januar 2022 war sie als eine von zehn Persönlichkeitsstörungen im ICD-10 (international classification of diseases) aufgeführt und galt als gesichert, wenn mindestens fünf der folgenden Merkmale festgestellt werden konnten.

 

Größengefühl in Bezug auf die eigene Bedeutung (Leistungen, Talente)

 

Beschäftigung mit Phantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Scharfsinn, Schönheit oder idealer Liebe

 

Überzeugung, "besonders" und einmalig zu sein, nur von anderen besonderen Menschen oder solchen mit hohem Status verstanden zu werden mit diesen zusammen sein zu können

 

Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung

 

Anspruchshaltung; unbegründete Erwartung besonders guter Behandlung oder automatischer Erfüllung der Erwartungen

 

Ausnutzung von zwischenmenschlichen Beziehungen, Vorteilsnahme gegenüber anderen, um eigene Ziele zu erreichen

 

Mangel an Empathie; Ablehnung, Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren

 

Häufiger Neid auf andere oder Überzeugung, andere seien neidisch auf die Betroffenen

 

Arrogante, hochmütige Verhaltensweisen und Attitüden

 

Ausnutzung von zwischenmenschlichen Beziehungen, Vorteilsnahme gegenüber anderen, um eigene Ziele zu erreichen

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Seit Januar 2022 gibt es den ICD-11. In dieser überarbeiteten Version des Diagnosehandbuchs werden die bisherigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen aus dem Katalog gestrichen. Es gibt nur noch die allgemeine Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ und verschiedenste Kriterien, die erfassen sollen, wie viel Hilfe jemand braucht. Damit soll vermieden werden, Menschen in Schubladen zu stecken, in die sie nicht wirklich passen. Die Merkmale der NPS haben sich allerdings dadurch logischerweise nicht verändert.

 

Im Unterschied zu Menschen, die einfach "nur" etwas mehr narzisstische Persönlichkeitsanteile in sich tragen als andere und deshalb als laut, anstrengend, überheblich usw. gelten, ist das Zusammenleben mit einem Menschen mit NPS - ob diagnostiziert oder nicht - eine Erfahrung, die geprägt ist von seelischem und emotionalem Leid, das sich auch körperlich manifestieren kann. Die Dunkelziffer der Menschen mit einer NPS muss unglaublich hoch sein, denn die allerwenigsten pathologischen Narzissten sind in der Lage zu Reflexion und können daher kein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sie sich moralisch "falsch" verhalten, an einer Persönlichkeitsstörung leiden und eine Therapie benötigen. Dennoch ist der Leidensdruck auch bei ihnen enorm. Diese Menschen finden - meist aufgrund früher Bindungs- oder Entwicklungstraumata - keinen Zugang zu sich selbst und führen ein Leben in ständiger Hast, Rage und Suche und in dem vollkommenen Unverständnis darüber, dass Menschen sich immer wieder zurückziehen und sie eines "schlechten" Verhaltens beschuldigen. Sie merken zwar, dass etwas an ihrem Verhalten für ihre Mitmenschen absolut nicht in Ordnung zu sein scheint, können es jedoch nicht bewusst wahrnehmen, geschweige denn reflektieren oder ändern. 

 

Ihre Moralentwicklung ist nicht zu vergleichen mit der "der anderen". Lawrence Kohlbergs Stufenmodell stellt dar, wie sich Moralempfinden beim Individuum Mensch entwickelt. Es gibt sechs Stufen. Menschen mit NPS - und das ist meine persönliche Erfahrung - scheinen in einer dieser beiden Stufen in ihrer Moralentwicklung stehengeblieben zu sein:

 

Stufe 1 Heteronorme Moralität

Die erste Stufe in Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung ist die der heteronormen Moralität. In diesem Stadium befindliche Menschen halten Regeln ein, deren Übertretung bestraft wird. Darüber hinaus halten sie es für rechtens, „Personen oder Sachen keinen physischen Schaden zuzufügen“. Die Motivation für dieses Verhalten besteht ausschließlich in der Angst vor Bestrafung sowie damit verbunden in der Macht der Autoritäten. Interessen anderer werden nicht berücksichtigt und teilweise nicht einmal als vorhanden erkannt. Eine Reflexion von Handlungen und Handlungsfolgen erfolgt nicht.

 

Stufe 2 Individualismus, Zielbewusstsein und Austausch

In der zweiten Stufe besteht ein Verständnis dafür, dass auch andere Subjekte spezifische Interessen haben – und dass diese mit eigenen Interessen unvereinbar sein können. Regeln werden befolgt, sofern sie den unmittelbaren Interessen der eigenen oder einer anderen Person dienen. Darüber hinaus hat sich eine rudimentäre Gerechtigkeitsidee entwickelt, die vor allem auf Gleichwertigkeit im Sinne gleichwertigen Austauschs baut.

 

Die Goldene Regel der dritten Stufe der Moralentwicklung ist

"Was du nicht willst das man dir tu´, das füg´ auch keinem anderen zu."

 

Hier sind Menschen mit NPS meiner Ansicht nach nicht angekommen. Die Moralentwicklung kann nicht nachgeholt werden. Ist sie im Kindes- und Jugendalter nicht erfolgt, bleibt sie lebenslang rudimentär, da ein Übergang in die nächste Stufe eine strukturelle Veränderung des Denkens erfordert.